Eine besondere Reise
Was war das Besondere an dieser Reise? Da wäre zunächst das Reisegefährt zu nennen, nämlich der Hotel-Bus, mit dem ich diese Inselrundreise unternommen habe. Einfach ausgedrückt, handelt es sich um ein großes Wohnmobil, das für 23 Reisende Sitzplatz und zugleich Unterkunft bietet!
Ein bequemes Reisen, hat man doch sein Bett immer dabei und ein unbequemes ständiges Wechseln von Hotel zu Hotel entfällt. Die Bordküche sorgt für das leibliche Wohl und übernachtet wird auf guten Campingplätzen, wo man sich ausgiebig der täglichen Körperpflege widmen kann. Die weiteren Besonderheiten der Reise sind aber mit der Vielfalt des Erlebten zu begründen. Ich war „reif für die Insel“ und habe die dreiwöchige Inselrundfahrt genossen.
In Saarbrücken wurde ich von dem aus München kommenden Hotelbus aufgenommen. Schnell hatte man sich mit den Mitreisenden bekannt gemacht und nach einer Zwischenübernachtung auf dem Campingplatz in St. Quentin in Frankreich erreichten wir am nächsten Morgen Calais, den französischen Fährenhafen, von wo wir mit einer Autofähre zur Insel übersetzten. Bereits 60 Minuten auf See erkannte man die weißen Klippen von Dover. Die Digitalkameras wurden einer ersten Bewährungsprobe unterzogen. Nach dem Besuch von Dover Castle, der strategisch alles überragenden Burganlage, ging die Fahrt durch die Grafschaft Kent, den „Garten Englands“, nach Canterbury mit der berühmten Kathedrale, die Mutterkirche der Anglikanischen Kirche und Sitz ihres Primas ist. Ihre traurige Berühmtheit erlangte sie als Schauplatz des Mordes an Erzbischof Thomas Becket. Die Kathedrale war die erste Stätte des UNESCO-Weltkulturerbes auf dieser Reise, eine Reihe anderer sollte ich noch kennen lernen.
Nächstes Reiseziel war das Schlachtfeld von Hastings, eine der wichtigsten historischen Stätten in der englischen Geschichte. Am 14. Oktober 1066 fand hier die entscheidende Schlacht statt, in der der Normanne Herzog Wilhelm der Eroberer, aus Frankreich kommend die englischen Widersacher bei hohen Verlusten besiegte. Am Weihnachtsfeiertag 1066 ließ er sich in London als König Wilhelm I. zum König von England krönen. Auf der Weiterfahrt besuchten wir Brighton, ein typisch englisches Seebad, wo sich Tausende von Urlaubern am Strand tummelten und andere ihr Glück in einem der vielen Spielcasinos auf der Seebrücke „Brighton Pier“ erzwingen wollten. Imponierend zeigt sich der exotische Royal Palast inmitten der Stadt. Das nächste Ziel war die Dreifaltigkeitskathedrale in Chichester, in der im nördlichen Chorumgang ein von Marc Chargall in leuchtendem Rot gestaltetes Fenster beeindruckte, die Lobpreisung Gottes darstellend.
Der vierte Reisetag führte uns über Southhampton nach Winchester mit seiner prachtvoll ausgestatteten gotischen Kathedrale. Sie ist mit 164 Metern Länge der größte Sakralbau in Großbritannien. In der Kathedralbibliothek wird die berühmte Winchester-Bibel aufbewahrt, deren kunstvoll ausgemalte Initialen zu den großen Leistungen der Buchmalerei zählen.
Weiter ging die Reise über die malerische Stadt Salisbury nach Stonehenge, eine der bedeutendsten prähistorischen Stätten Europas. Schon längst steht der auf 3000 Jahre vor Christus datierte monumentale Steinkreis auf der Liste UNESCO-Weltkulturerbes. Ob es sich bei der geheimnisvollen und sagenumwobenen Stätte um ein Kulturzentrum oder eine „Sternwarte“ handelt, bleibt ein ungelöstes Rätsel der Steinzeit. Jährlich bevölkern im Juni Tausende von Besuchern den mystischen Steinkreis und feiern hier das Sommersonnwendfest. In diesem Jahr gab es einen Rekordansturm von 36 000 Besuchern.
Die Weiterfahrt erfolgt nach Bath. Die elegante Kurstadt mit ihren goldgelben Fassaden, anheimelnden Plätzen, bezaubernden Parkanlagen und geschmackvollen Geschäften ist ein architektonisches Juwel und seit 1988 UNESCO-Weltkulturerbe. Die gut erhaltenen Römischen Bäder gewähren einen Einblick in die faszinierenden Anlagen römischer Thermen und Bäder.
Nächstes Ziel war die größte englische Universitätsstadt Oxford. Die Universität entwickelte sich Anfang des 12. Jahrhunderts aus von Klöstern getragenen Schulen der Stadt. Mitte des 13. Jahrhunderts kamen verschiedene religiöse Orden nach Oxford und schufen Studentenheime, sogenannte Colleges, deren Zahl sich auf 40 Colleges im Laufe der Jahrhunderte erweiterte. Auch heute noch müssen die Studenten das erste Jahr ihres Studiums in einem College wohnen, um im religiösen Umfeld besonders in Charakterbildung, Sozialverhalten und gesellschaftspolitischer Ausrichtung geschult und unterrichtet zu werden. Es ist hinreichend bekannt, dass Oxfordstudenten einen weltweiten besonders guten Ruf und beste Chancen haben.
Nächster Höhepunkt war die Stadt Stratford-upon-Avon, von mir ein wenig respektlos „Shakespeares-Hausen“ bezeichnet. Alles dreht sich um den bedeutendsten englischen Dichter. Es wird nichts ausgelassen, um mit und in seinem Namen Geld zu verdienen. Sein Geburtshaus ist als Museum zu besichtigen und die Führung endet, wie alle anderen auch, im Giftshop. Diese Methode haben wir mittlerweile in Deutschland auch übernommen.
Weiter zur Ruine der Kathedrale von Coventry. Im November 1940 wurde die Kathedrale bei deutschen Luftangriffen zerstört, die vor allem die ortsansässigen Rolls-Royce-Flugzeugmotorenwerke und weitere kleinere Rüstungsbetriebe zum Ziel hatten. Der damalige Probst der Kathedrale, R.T. Howard, hat in einer vom BBC direkt aus den Ruinen übertragenen Weihnachtsmesse zur Versöhnung und Verdammung von Hass- und Rachegedanken aufgerufen, eine Einstellung, die 1959 zur ersten deutsch-englischen Städtepartnerschaft führte und damit zur Verbindung zweier von Luftangriffen schwer gezeichneten Städte: Coventry und Dresden.
Die Besichtigung der Stadt Ironbridge stand als nächstes auf dem Programm. Die gleichnamige 30 Meter lange Eisenbrücke über den Fluss aus dem Jahre 1778 war weltweit die erste Eisenbrücke, die gebaut worden ist. Sie gab nicht nur der Ortschaft, sondern auch der Schlucht, die von der Brücke überspannt wird, den Namen und steht ebenfalls auf der Liste des Weltkulturerbes.
Wir besuchten die geschichtsträchtige Grafschaftshauptstadt Caernarfon und befanden uns nunmehr in Wales. Das Caernarfon Castle zählt zu den prachtvollsten Burgen des Landes. Hier wurde 1969 Prinz Charles zum Prince of Wales gekrönt, ein Titel, den seit dem 14. Jahrhundert die Thronfolger der britischen Monarchie tragen.
Chester liegt am Unterlauf des River Dee und besitzt mit ihren Wällen und Mauern aus römischer und angelsächsischer Zeit die besterhaltene Altstadt Großbritanniens. Wir besuchten die sogenannten „Rows“, das sind mittelalterliche Fachwerkhäuser mit hochgelegenen Laubengängen und bezaubernden Geschäftsetagen.
Nach einer Fahrt durch eine der schönsten Landschaften Englands, den Lake District, erreichten wir die Grenze zu Schottland. Gleich hinter der Grenze kamen wir nach Gretna Green, bekanntes Heiratsparadies, in dem der Schmid des Ortes früher ohne Einwilligung der Eltern Minderjährige trauen konnte. Die Tradition hat sich bis heute erhalten, und in der Tat kann in Gretna Green jeder jeden heiraten. Vorsicht ist allerdings geboten.
In Glasgow, der größten Stadt Schottlands, besichtigten wir u.a. die Kathedrale, Gebäude von Mackintosh und das älteste Haus der Stadt aus dem Jahr 1471. Wir fuhren am 9. Tag durch die schönste schottische Landschaft entlang dem Loch Lomond, vorbei an den beiden Meerarmen Loch Long und Loch Fyne auf das schottische Hochland über den „Pass of Brander“ und erreichten am Abend das reizvolle Küstenstädtchen Oban. Unvorbereitet wurden wir am Abend auf dem Campingplatz von Stechmücken überfallen und in Ermangelung eines Mückenschleiers vermummten wir uns mit diversen Bekleidungsstücken. Nachdem wir uns am folgenden Tag mit entsprechenden Mückenschleiern ausgestattet hatten – diese gab es an allen Tankstellen zu kaufen – war der Spuk eigentlich schon wieder vorbei.
Beeindruckend war die schottische Seenlandschaft, gespannt waren wir auf Loch Ness und „Nessie“, das sagenhafte Seeungeheuer. Nessie blieb uns wie vielen Abertausenden Touristen verborgen. Wir erreichten Inverness, die Hauptstadt des schottischen Hochlandes.
Am 10. Reisetag war Halbzeit. Von nun an ging es wieder Richtung Süden, erstes Ziel das Mekka aller Golfspieler, St. Andrew. Hier soll schon König Jakob IV. im 15. Jahrhundert den kleinen weißen Ball geschlagen haben.
Wir überquerten den Meeresarm Firth of Forth, über den eine der größten Hängebrücken der Welt führt. Bei der im Jahr 1886 fertig gestellten Eisenbahnbrücke wurden ca. 54000 Tonnen Stahl verarbeitet, der von 6,5 Millionen Nieten zusammengehalten wird. Die Brücke ist 2,5 km lang, und die Spannweiten zwischen den 4 Hauptpfeilern beträgt 521 Meter.
Zwei Tage verbrachten wir in Edinburg, der Hauptstadt Schottlands. Wir besichtigten den Palast of Hollyroodhouse, offizieller Wohnsitz der Königin, wenn sie sich in Edinburgh aufhält. Das vor fünf Jahren von einem jungen spanischen Stararchitekten neu erbaute schottische Parlamentsgebäude erfährt herbe Kritik aus der Bevölkerung und erinnerte mich an seiner Bauweise stark an den Mainzer „Fuchsbau“, der auch nicht gleich von der Mainzer Bevölkerung angenommen wurde. Heute steht er unter Denkmalschutz, eine bemerkenswerte Entwicklung. Zu besichtigen war im Hafen die 1997 außer Dienst gestellte königliche Yacht „Britannia“, die sich als Museumsschiff großer Beliebtheit erfreut.
Wieder ein Kunstgenuss: Die Kathedrale von Durham und die Ruinen von Fountains Abbey, 1132 als Zisterzienserabtei gegründet und eine der schönsten Ruinenstätten der Welt. Beide sind Stätten des Weltkulturerbes.
Die Stadt York mit ihrer berühmten Kathedrale St. Peter und der nahezu komplett erhaltenen Stadtmauer war das nächste Reiseziel, bevor wir die Reise in die Universitätsstadt Cambrigde fortsetzten. Hier haben wir die Gelegenheit zum Besuch des King´s College genutzt und waren beeindruckt von der zum College gehörenden Kirche. Cambrigde genießt als einer der großen Bildungseinrichtungen Europas weltweites Ansehen.
Nächster Höhepunkt war der Besuch von Schloss Windsor. Das von Wilhelm dem Eroberer gegründete mächtigen Schloss wird aktuell von der Monarchin genutzt. Beeindruckend ist der tadellose Zustand des Schlosses, obgleich Tausende von Touristen täglich diese gigantische Anlage besuchen.
Absoluter Reisehöhepunkt waren natürlich die Sehenswürdigkeiten der Neun-Millionen-Metropole London: Tower Bridge und Buckingham Palast, Downing Street und Parlamentsgebäude, Westminsterhall und Westminster Abbey (Weltkulturerbe), Big Ben und die Millenium Brigde, the Eye (Riesenrad) und the Egg of London (das neue Rathaus), der Tower, die St. Paul´s Cathedral, Greenwich und das Wachsfigurenkabinett von Madam Tussauds und, und, und...
Unsere Zeit war viel zu kurz! Die Rückreise erfolgte via Eurotunnel, durch den man per Tunnelzug in 30 Minuten sicher und problemlos auf das französische Festland gelangt. Mein Reisefazit: Drei Wochen habe ich mit dem Hotelbus England, Wales und Schottland bereist und dabei wunderbare Landschaften durchfahren, imponierende Bauwerke besichtigt, freundliche und nette Menschen kennen gelernt und nur ein einziges Mal den Regenschirm aufgespannt. Dass es auf der Insel immer regnet, gehört wohl genauso zu den Vorurteilen, wie, dass es außer Fisch and Chips in England nichts anderes zu essen gibt. Ich habe es anders erlebt und auch das hat die Reise besonders schön und interessant gemacht. |